Die Kunst des Improvisierens: eine Masterclass
Die Morgendämmerung nimmt ihren Lauf und ich kann nun meine Umgebung erkennen. Den schwachen Lichtkegel meiner Stirnlampe brauche ich nur noch für Details, etwa um Sicherungen in Granitrisse zu fummeln. Das Morgenlicht erhellt den Cerro Torre – hätten wir nur eine ordentliche Wetterphase gehabt, wäre ich dort oben! Hätte, wenn und aber ... die am häufigsten ausgesprochenen Sätze nach jeder „gescheiterten“ Expedition!
Ich folge einer großen Kamin-/Rinnenformation an der unbestiegenen Westwand des Hombre Sentado. Vertikale Seillängen führen zu flacherem Schnee und guten Standplatzmöglichkeiten. Ich verlasse mich auf meine Erfahrung im Mixed-Klettern. Wo „Schnee auf Fels“ genau das ist, klettere ich mit Dry-Tooling an einem dünnen Riss. Vier Seillängen folgen diesem Muster.
Nun befinde ich mich tief in einem schmalen Kamin. Der Fels (ein „Gang“ aus dunkel gefärbtem Gestein) wird gefährlich brüchig. Die besten Sicherungen finde ich im Matsch! Ein Haken und ein kleiner Cam in einem sich weitenden Riss geben mir etwas Sicherheit, während ich eine bröckelige Sanduhr sowohl als Platzierung als auch als Sicherung nutze und mich zentimeterweise den überhängenden Schutt hinaufarbeite.
Die „Mixed“-Bedingungen haben nachgelassen. Zwei reine Felskamin-Seillängen bleiben bis zum Gipfel. Aber (da ist es wieder) ich habe genug. Die Kletterei war, abgesehen von der Schutt-Seillänge, angenehm. Ich bin zufrieden damit, auf dieser Reise nichts fertig geklettert zu haben. Diese Route zu beenden, hätte in gewisser Weise den Rest der Reise in den Schatten gestellt!
Eine Woche zuvor hatte ich dieselbe Linie mit Marcin versucht. Die Temperaturen waren extrem hoch. Die eisigen Risse waren wasserüberströmt. Wir hatten den Kamin umgangen und eine Variante versucht – zwei kurze Dry-Tooling-Seillängen in den glatten Granitrisssen. Tritte waren spärlich, Sicherungen reichlich vorhanden. Als wir durchnässt genug waren, haben wir abgebrochen!
Zurück im Niponino, 14einhalb Stunden nach dem Verlassen des Zeltes. In dieser Nacht nahm der Wind richtig zu (das tut er immer!). Ich wurde im Zelt von Steinen „begleitet“. Das ständige Schlagen und Krachen auf dem Stoff sorgte für eine ziemlich schlaflose Nacht!
Früh am nächsten Morgen packte ich (immer noch bei starkem Wind) zusammen und begann den langen, stolpernden Abstieg, schwer beladen. Letztes Mal war Marcin buchstäblich von einer Windböe in eine 5 Meter tiefe Gletscherspalte geweht worden und hing hilflos an seinem verkeilten Rucksack. Ich konnte ihn retten. Glücklicherweise war der Wind dieses Mal nicht so stark – ein Glück, denn niemand wäre gekommen, um mich zu retten.
Schon bevor ich nach Patagonien kam, wusste ich, dass es nur eine geringe Chance gab, unser Ziel zu erreichen. Nicht einmal den Fuß der Route zu erreichen, fühlt sich jedoch noch mehr wie ein Versagen an. Hätte, wenn und aber...